Und warum eigentlich reparierbare Geräte immer öfter im Müll landen

Manchmal ist ein Gerät offensichtlich reparierbar: nichts verklebt, alles geschraubt, der Akku hat sogar einen Stecker. Du schraubst es auf, tauschst das Verschleißteil – fertig.

Und manchmal ist das alles nur Kulisse.

Das hier ist ein kleiner Tatsachenbericht aus meiner Werkstatt. Mit einem winzigen Bauteil, das irgendwo zwischen „Reparatur“ und „Totalschaden“ liegt. So groß wie ein Reiskorn. Eher kleiner.

Fall 1: Der Arizer Solo 2 – „reparierbar“, bis du es tust

Vor etwa einem Jahr habe ich mir einen defekten Arizer Solo 2 auf eBay sehr günstig geschossen. Das „tolle“ daran: Er kam mit einem nagelneuen Akku. 😉
Und genau der Akku war auch der Grund für den Defekt.

Der Solo 2 ist nämlich so konstruiert, dass beim Ausbau des Akkus sehr oft Bauteile von der Platine mit abgerissen werden – typischerweise kleine SMD-Transistoren und Widerstände. Also genau die Sorte Teile, die man im Zweifel nicht mal auf dem Teppich wiederfindet, wenn sie wegspringen.

Bei meinem Gerät waren ein paar Kleinteile ab. Ich habe sie wieder sauber draufgelötet – und seitdem läuft der Vaporizer wieder einwandfrei. Und das lohnt sich: Der Solo 2 ist auch gebraucht noch ein richtig gutes, wertiges Gerät.

Ein Jahr später: Ein Freund hat das gleiche Modell schon länger. Bei ihm ließ der Akku nach. Akkus sind im Aftermarket gut verfügbar, bezahlbar, und dank Stecker sollte der Tausch eigentlich… naja… eigentlich einfach sein.

Am Gerät selbst: nichts verklebt, alles gut verschraubt. Wirklich vorbildlich.

Durch meine Erfahrung wusste mein Freund: „Beim Akku-Ausbau vorsichtig sein.“ Er ist technisch begabt und hat genug Übung im Zerlegen von Geräten.

Nun ratet mal, was passiert ist. 😉

Zwei Transistoren und zwei Widerstände blieben übrig. Und diesmal leider so, dass sie nicht mehr zu verwenden waren.

Und das ist kein Einzelfall. Wenn man sich ein bisschen umschaut, findet man ähnliche Geschichten: Leute reißen beim Akkuwechsel winzige Bauteile ab – und stehen dann da. Reddit User #1, Reddit User #2

Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher sein. Allein wenn man sieht, wie viele Ersatzakkus es für den Solo 2 gibt, liegt eine Vermutung nahe: Viele Geräte werden nach einem erfolglosen Akku-Tauschversuch – inklusive neuem Akku – einfach entsorgt.

Reparierbar? Ja klar.
Praktisch? Für viele: nein.


Wie man dann repariert: Erstmal Detektiv spielen

Um meinem Freund zu helfen, musste ich zuerst identifizieren, was da eigentlich abgerissen ist.

Die Widerstände waren noch relativ dankbar: Ich hatte ja mein eigenes Gerät zum Gegenmessen.
Bei den Transistoren wurde es nerviger – auf den üblichen Plattformen kam ich nicht sauber weiter.

Am Ende hat die Facebook-Gruppe „Elektrotechnik – Hilfe bei Schaltungen, Bauelementen usw.“ die Sache gelöst: Beide Transistoren sind NPN-„Digitaltransistoren“ (also Transistor + integrierter Serien-Basiswiderstand) im SOT-23-3 – mit:

  • R1 = 10 kΩ (Serie zur Basis)
  • VCEO = 50 V
  • IC = 100 mA
  • Pinout: 1 = Emitter, 2 = IN (Base), 3 = OUT (Collector)

Der passende Typ im benötigten SOT-23-Package ist der KRC111S-RTK von KEC.
Elektrisch identisch wäre übrigens auch der KRC411-RTK – der kommt allerdings in der USM-Bauform und ist damit mechanisch für diese Stelle ungeeignet, da ca. ⅓ kleiner als sein Kollege im SOT-23-Package. keccorp.com KRC111S-RTK

Das Gemeine: „Fast passende“ Alternativen sind nicht automatisch passend

Leider sind diese KRC-Typen nicht immer überall gut zu bekommen. Ich hatte aber Glück und konnte noch welche finden. Die Auswahl bei Alternativen ist leider klein – weil das KRC-Pinout untypisch ist (die meisten „Digitaltransistoren“ im SOT-23-Format haben 1=Base, 2=Emitter, 3=Collector) und oft sind zwei Widerstände integriert.

Elektrisch sehr nah, aber nicht identisch (weil zusätzlicher R2 vorhanden) – diese Typen haben R1 = 10 kΩ, aber zusätzlich R2 (Pull-Down Base-Emitter). Das kann funktionieren, ist aber nicht identisch und kann Schaltschwellen/Ströme ändern. Außerdem: Pinout prüfen!

Beispiele:

  • onsemi DTC114E… (R1=10 kΩ, R2=10 kΩ)
  • Nexperia PDTC114E… (R1=10 kΩ, R2=10 kΩ)

Die Reparatur am Ende (mit den korrekten Werten)

Somit wurden die Bauteile Q12 und Q13 mit einem KRC111S-RTK (SOT-23) erneuert. Außerdem habe ich die abgerissenen Widerstände in Bauform 0402 ersetzt. Hier die Widerstandswerte der Bauteile die potentiell gefährdet sind beim Ausbau zu „verschwinden“:

  • R29 = 150 kΩ
  • R32 = 10 kΩ
  • R35 = 25 kΩ
  • R40 = 10 Ω
  • R42 = 1 kΩ
  • R43 = 10 kΩ

Nach dem Zusammenbau kam dann allerdings die nächste Überraschung: Der Vaporizer hat noch einen weiteren Defekt. Zwischen den Batteriekontakten lässt sich ein Widerstand im kΩ-Bereich messen. Sehr wahrscheinlich war genau das auch der ursprüngliche Grund, warum der Akku überhaupt so schnell schlapp gemacht hat – ein ziemlich seltenes Fehlerbild. Die genaue Ursache muss ich noch finden.

Und trotzdem bleibt der eigentliche Kern der Geschichte derselbe: Das Gerät ist grundsätzlich hochwertig gebaut. Es ist geschraubt, nicht verklebt, Ersatzteile sind verfügbar. Aber ein scheinbar banaler Akkuwechsel kann für viele trotzdem in einem wirtschaftlichen Totalschaden enden – wegen ein paar winziger, abgerissener Bauteile.


Das Gegenbeispiel: Akku wirklich wechselbar

Dass es anders geht, zeigt zum Beispiel der XMax V3 Pro: Akku raus, Akku rein – unkompliziert, teilweise sogar werkzeuglos. Wer Reparierbarkeit wirklich ernst nimmt und Müll vermeiden möchte, sollte auf solche Details achten.

Reparierbarkeit ist nicht nur „Schrauben statt Kleber“.
Reparierbarkeit ist auch: kein versteckter Sollbruchpunkt beim häufigsten Verschleißteil.


Und damit sind wir beim eigentlichen Thema: „Right to Repair“

Ich mag die Idee hinter „Right to Repair“. Wirklich.

Aber das Problem ist: „Recht auf Reparatur“ kann auf dem Papier erfüllt sein, während die Reparatur in der Realität trotzdem nicht stattfindet.

Weil „reparierbar“ juristisch oft heißt: Irgendjemand könnte es irgendwie reparieren, wenn er genug Teile, Zeit, Spezialwerkzeug und Geld hat.

Das ist nicht das, was die meisten Menschen unter Reparatur verstehen.

Beispiel Waschmaschine: Reparierbar, aber wirtschaftlich tot

Ein langjähriger Haushaltsgeräte-Servicetechniker hat das in einem Video sehr gut auf den Punkt gebracht: Früher™ wurden Lager gewechselt – zwei kleine Teile, Maschine läuft weitere Jahre. YouTube – Frust eines Haushaltsgeräte-Servicetechnikers

Waschmaschinen waren früher Geräte, die hat man sich angeschafft und dann liefen sie. Und liefen. Und liefen. Nach 5 bis 10 Jahren war dann mal ein Lager kaputt. Das war aber kein Problem: Servicetechniker gerufen, Maschine zerlegt, Lager getauscht – preislich ok, und aus Umweltsicht absolut sinnvoll. Zwei kleine Lager im Müll, die große, schwere Maschine läuft noch viele Jahre weiter.

Nun muss man wissen, wie so eine Maschine aufgebaut ist: innen die Edelstahl-Trommel, die dreht sich im Wasser. Außen herum eine größere Plastik-Einheit (der Bottich), die das Wasser hält. Früher™ (vor wenigen Jahren) bestand dieser Bottich aus zwei Hälften, die verschraubt waren. Jahrzehntelang hat das funktioniert – und es ermöglichte, die Lager zu tauschen.

Viele Hersteller sind aber dazu übergegangen, diese Bottichhälften zu verkleben oder zu verschweißen. Das macht den Tausch der Lager nahezu unmöglich. Als Ersatz bekommt man dann oft die komplette Trommeleinheit, gerne samt Lager und allem drum und dran. Das kostet dann fast so viel wie eine neue Maschine – Reparatur wird unwirtschaftlich oder erzeugt absurd viel Müll. Ergebnis: Maschine fliegt raus.

Das „Right to Repair“ wird dadurch nicht verletzt – die Maschine ist ja reparierbar.
Nur macht das eben kaum noch jemand.


Die nächste Stufe: Digitaler Ersatzteil-„Lock-in“

Und als ob Mechanik-Tricks nicht reichen, kommt jetzt noch Software dazu:

Und dann der Klassiker der Moderne: Cloud-Abschaltung.

Wenn der Hersteller den Dienst abstellt, wird funktionierende Hardware schlagartig dumm – oder tot. Heise hat das sehr treffend beschrieben. heise online
Und Belkin/Wemo ist ein aktuelles Beispiel, bei dem Support und App-Funktionen für ältere Geräte enden sollen. Belkin US, Golem, SmartHalo: Das Unternehmen ist pleite

Das ist dann nicht mal mehr „kaputt“. Das ist „abgeschaltet“.


Das nennt man dann gern „Planned Obsolescence“ – aber bitte mit Hirn

Ja, das Thema heißt „geplante Obsoleszenz“. Und ja: Da muss man aufpassen, nicht direkt ins Verschwörungs-Gebüsch abzubiegen.
Wikipedia – Geplante Obsoleszenz

Ich glaube nicht, dass da überall ein böser Mensch sitzt und sagt: „Hehe, lass uns heute Lager verkleben, damit alle neu kaufen!“

Oft ist es banaler:

  • Billiger in der Produktion
  • Schneller in der Montage
  • Weniger Varianten im Ersatzteilwesen
  • Mehr Kontrolle über Service & Marge
  • Weniger Reklamationsfälle, weil „nur komplette Einheit tauschbar“

Das Ergebnis ist trotzdem das gleiche: Mehr Müll. Mehr Kosten. Weniger Selbstbestimmung.

YouTube – Haushaltsgeräte & „Immer mehr Krempel“ (Gabriel Yoran)

Und genau hier beißt sich „Right to Repair“ mit der Realität:
Du darfst reparieren – aber du kannst es praktisch nicht sinnvoll.


Worauf ich inzwischen achte (und was ich jedem empfehlen würde)

Wenn dir Reparierbarkeit wichtig ist, reicht es nicht mehr, nach Schrauben zu schauen.

Ich achte inzwischen auf sowas:

  • Verschleißteile ohne Risiko tauschbar? (Akku, Lager, Schalter – ohne dass dabei eine Platine „mitserviert“ wird)
  • Gibt es Ersatzteile als Einzelteile – oder nur Baugruppen?
  • Braucht man Spezialsoftware / Cloud / Online-Freischaltung?
  • Gibt es Teardowns/Repair-Guides aus der Community?
  • Gibt es lokale/offline Nutzbarkeit, wenn irgendein Server stirbt?
  • Und ganz platt: Gibt es ein Modell, das es einfach besser macht?

Im Endeffekt bestimmen wir mit dem Kaufverhalten, was sich lohnt. Nicht mit Sonntagsreden, nicht mit hübschen Labels. Sondern mit Nachfrage.

Und ja: Das ist nervig. Weil man eigentlich nur ein Gerät kaufen will – und nicht vorher eine dreistündige Recherche über Bottiche, Pairing und SOT-23-Pinouts machen möchte.

Willkommen im Jahr 2026.


Fazit

„Reparierbar“ ist nicht, wenn etwas theoretisch repariert werden kann.

Reparierbar ist, wenn ein normaler Mensch (oder eine normale Werkstatt) ein typisches Verschleißteil tauschen kann, ohne dass dabei ein reiskorn-großes Bauteil den Totalschaden einleitet.

Right to Repair ist ein Schritt. Aber ohne echte Anforderungen an Modularität, Einzelteil-Verfügbarkeit, faire Preise, offene Diagnose und Offline-Funktion bleibt es oft genau das: ein Schritt. Kein Ziel.

Und bis dahin gilt leider weiterhin: Achtet darauf, was ihr kauft.
Kein Gesetz wird Hersteller automatisch davon abhalten, immer mehr Müll zu produzieren – solange es sich lohnt.
YouTube – Kaufverhalten / Konsumkritik