Manchmal fühlt es sich an, als hätte die Welt kollektiv beschlossen, gleichzeitig lauter, sturer und vergesslicher zu werden.
Wir leben in einer Zeit, in der Informationen überall sind – und trotzdem gewinnen die einfachsten Erzählungen: die mit einem klaren Feindbild, die mit einem simplen Schuldigen, die mit einem großen „Die da oben!“. Und währenddessen passieren Dinge, die vor ein paar Jahren noch nach Satire geklungen hätten: Zoll-Drohkulissen als Diplomatie, Besitzfantasien über Territorien, „Frieden“-Rhetorik bei laufender Kriegsmaschine.
Chemtrails: Wenn Zweifel zur Identität wird
„Chemtrails“ sind ein gutes Beispiel dafür, wie aus Unsicherheit eine Weltanschauung wird. Kondensstreifen sind physikalisch erklärbar – je nach Luftfeuchtigkeit und Temperatur bleiben sie länger stehen, zerfasern, bilden Schleierwolken. Das ist nicht geheimnisvoll, sondern Meteorologie.
Und trotzdem: Für manche ist das Thema längst kein Faktencheck mehr, sondern ein Zugehörigkeitstest. Wer widerspricht, gehört „zum System“. Wer fragt, ist „wach“. Wer erklärt, wird als Gegner gelesen.
Zölle: Wirtschaft als Waffe, nicht als Werkzeug
Zölle sind eigentlich ein Instrument. Aber in der aktuellen politischen Realität sind sie oft Druckmittel: drohen, eskalieren, nachgeben, wieder drohen.
In den letzten Tagen tauchten mehrfach Beispiele auf, in denen Zollandrohungen ganz offen als politischer Hebel genutzt wurden: etwa in Berichten über US-Zoll-Drohungen gegen Südkorea (Reuters, 28. Jan 2026) oder über angedrohte Zölle gegen einzelne EU-Staaten im Streit um Grönland (Reuters, 21. Jan 2026).
Das Verrückte daran: Die Rechnung zahlen am Ende selten die, die am lautesten drohen – sondern die, die Produkte bauen, Arbeit machen, Preise tragen.
Besitzansprüche: „Meins!“ als Außenpolitik
„Besitzansprüche“ klingen nach Kindergarten. Leider sind sie geopolitisch wieder salonfähig.
Da werden Territorien zur Verhandlungsmasse, Einflusszonen zu Trophäen, Inseln und Küstenlinien zu Symbolen für „Stärke“. Ob arktische Streitfragen oder maritimer Dauerstress: Im Südchinesischen Meer überlappen weitreichende maritime Ansprüche mit den Zonen mehrerer Staaten – und selbst ein „Code of Conduct“ wird seit Jahren verhandelt (Reuters, 29. Jan 2026).
Und währenddessen sitzt irgendwo jemand vor einem Bildschirm und erklärt das als „Realpolitik“. Vielleicht ist es das. Vielleicht ist es aber auch einfach nur: Gier mit Flagge drauf.
Kolonialisierung: Vergangenheit, die nie wirklich vorbei war
Kolonialisierung ist kein Kapitel im Geschichtsbuch – sie ist ein Schatten, der bis heute auf Besitz, Wohlstand, Kultur und Narrative fällt.
Dass aktuell wieder ernsthaft über die Rückgabe kolonial geraubter Kulturgüter diskutiert wird, ist deshalb mehr als Symbolpolitik. In Frankreich wurde Ende Januar im Senat über ein Gesetz beraten, das Rückgaben vereinfachen soll (u. a. Le Monde / France 24, 29. Jan 2026).
Rückgabe ist nicht „alles“. Aber sie ist ein Anfang, weil sie eine unbequeme Wahrheit ausspricht: Man kann Dinge sehr lange „besitzen“ – ohne jemals das Recht dazu gehabt zu haben.
Frieden predigen, Krieg machen
Der Satz „Wir wollen Frieden“ ist billig geworden, wenn er neben dem nächsten Waffenpaket oder der nächsten Bombennacht steht.
Man sieht es aktuell besonders bitter in gleich mehreren Konflikten: In Gaza wurde die geplante Wiederöffnung des Rafah-Übergangs als Teil eines Waffenruhe-Plans berichtet (Reuters und AP, 30. Jan 2026) – während humanitäre Notlagen weiterlaufen. Und in der Ukraine ging es zuletzt um eine zeitlich begrenzte Zusage, Angriffe auf Kyiv auszusetzen (Reuters, 29. Jan 2026) – ein Schritt, der erst im Alltag zeigen muss, ob er mehr ist als Schlagzeile.
Wenn sich „Frieden“ nur noch wie eine Pressemitteilung anfühlt, dann stimmt etwas nicht im Fundament.
Narzissten: Die Bühne gewinnt gegen den Inhalt
„Narzissten“ meine ich hier nicht als Diagnose, sondern als Prinzip: Die Leute, die am stärksten nach Bühne, Dominanz und einfacher Deutung greifen, bekommen in Krisenzeiten oft den größten Applaus.
Warum? Weil Komplexität anstrengend ist. Und weil viele Systeme Belohnungen falsch verteilen:
- Lautstärke wirkt wie Kompetenz.
- Angriff wirkt wie Handlungsfähigkeit.
- Gewissheit wirkt wie Wahrheit.
Das ist nicht neu. Neu ist nur die Skalierung: Social Media, Dauerempörung, algorithmische Verstärker. Der „starke Auftritt“ schlägt die „gute Lösung“.
Was wir daraus machen (ohne durchzudrehen)
Wenn die Menschheit „verrückt geworden“ ist, dann vielleicht vor allem in dem Sinn, dass wir unsere schlechtesten Reflexe gerade maximal effizient machen.
Aber wir sind dem nicht ausgeliefert. Drei kleine Gegenmittel, die ich für unterschätzt halte:
- Langsamkeit: Nicht alles braucht sofort eine Meinung.
- Handwerk (im wörtlichen und übertragenen Sinn): Dinge bauen, reparieren, verstehen – statt nur konsumieren und empören.
- Lokale Realität: Menschen im echten Leben. Vereine. Projekte. Nachbarschaft. Das ist oft der Ort, an dem Vertrauen wieder wächst.
Vielleicht ist das die eigentliche Entscheidung: Ob wir Teil der großen Aufgeregtheit werden – oder Teil der kleinen Stabilität.
Quellen
Links dienen als Einstieg und Kontext (keine Vollständigkeit).
- Reuters (30 Jan 2026): Gaza’s Rafah crossing with Egypt to reopen on Sunday, Israel says
https://www.reuters.com/world/middle-east/gazas-rafah-crossing-with-egypt-reopen-sunday-israels-cogat-says-2026-01-30/ - AP News (30 Jan 2026): Israel reopening Gaza’s border crossing with Egypt on Sunday after long closure
https://apnews.com/article/823d4b0aef641c3f19d4cc7b527325b1 - Reuters (28 Jan 2026): Trump says ‚we’ll work something out with South Korea‘ after tariff threat
https://www.reuters.com/world/asia-pacific/trump-says-well-work-something-out-with-south-korea-after-tariff-threat-2026-01-28/ - Reuters (21 Jan 2026): Trump tariffs on six EU nations could create US customs headache
https://www.reuters.com/business/trump-tariffs-six-eu-nations-could-create-us-customs-headache-2026-01-21/ - Reuters (29 Jan 2026): Southeast Asian bloc faces challenges from Myanmar to South China Sea
https://www.reuters.com/world/china/southeast-asian-bloc-faces-challenges-myanmar-south-china-sea-2026-01-29/ - Le Monde (29 Jan 2026): French Senate adopts a bill to ease the return of colonial-era artifacts
https://www.lemonde.fr/en/international/article/2026/01/29/french-senate-adopts-a-bill-to-ease-the-return-of-colonial-era-artifacts-to-their-countries-of-origin_6749912_4.html - France 24 (29 Jan 2026): French Senate approves draft bill to simplify return of colonial-era artifacts
https://www.france24.com/en/france/20260129-french-lawmakers-approve-framework-law-facilitate-return-colonial-artefact - Reuters (29 Jan 2026): Ukraine’s Zelenskiy expects implementation of agreement not to fire on Kyiv
https://www.reuters.com/world/ukraines-zelenskiy-expects-implementation-agreement-not-fire-kyiv-2026-01-29/ - Reuters (9 Jan 2026): Frenetic 2026 military posturing sets tone for dangerous new era
https://www.reuters.com/world/frenetic-2026-military-posturing-sets-tone-dangerous-new-era-peter-apps-2026-01-09/
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